Was ist ein freier Redner oder eine freie Rednerin?

Lasst mich Euch eine Geschichte erzählen:

„Wir heiraten!“, jubelte Vicky. „Das ist der Wahnsinn! Komm, lass uns noch etwas trinken gehen, ja?“ Vickys lockige, kupferfarbene Haare wippten vor Aufregung.

„Meinetwegen!“, lachte Christoph, schlang seinen Arm fest um die Taille seiner Zukünftigen und steuerte sie ins nächste Café.

„Ach, schau mal, da sitzt Flora. Sie sieht irgendwie bedrückt aus. Komm lass uns kurz Hallo sagen.“ Vicky schlängelte sich bereits durch die gut besetzten Tische.

Christoph warf ergeben einen Blick auf seine Uhr. Glücklicherweise war Hugo heute bei Oma und Opa. Bestimmt fütterte er gerade mit seiner Mutter die Hühner. Etwas Zeit haben wir noch, dachte er und folgte Vicky, die bereits am Tisch angekommen war und Flora auf die Schulter tippte. „Hallo Flora! Überraschung!“, flötete sie. „Lange nicht gesehen!“ Flora schaute müde auf. „Oh, hallo! Wie geht es Euch?“ Sie nickte dem nun auch angekommenen Christoph zu. Runzelte dann aber die Stirn. „Ihr strahlt ja richtig. Gibt es etwas zu feiern?“

„Ja, wir heiraten. Christoph hat mich endlich gefragt.“, platzte es aus Vicky heraus und zeigte Flora dabei ihren Verlobungsring, in dessen Mitte ein mattglänzender Rosenquarz eingearbeitet war. Der Stein des Herzens, der Romantik und der Liebe.

„Wirklich? Das ist ja sensationell! Wann und wo denn?“, kam es jetzt schon etwas munterer.

„Das wollten wir gerade besprechen. Auch wer uns trauen soll.“

„Wie? Was heißt, wer Euch trauen soll? Das verstehe ich nicht.“

„Wir werden standesamtlich heiraten, aber dann hätten wir gerne keine kirchliche, sondern eine freie Zeremonie, die wir selber gestalten. Dazu engagieren wir eine freie Rednerin, die uns dabei hilft und eine vielleicht sogar flammende Rede über uns hält. Na ja, flammend ist vielleicht zu viel,“, lachte Vicky, aber wunderbar und berührend sollte sie schon sein. Oder was meinst Du?“, zwinkerte sie Christoph zu, während er ihr einen freien Stuhl vom Tisch wegzog, damit sie sich setzten konnte.

„Wir dürfen uns doch kurz zu Dir setzen, oder?“, lächelte Christoph. „Danke Dir mein Herz,“. Vicky ließ sich schon nieder und stopfte ihre übergroße Tasche unter den Tisch, ohne auf Floras Zustimmung zu warten.

„Wissen wir schon, dass es eine Rednerin wird? Warum kein Redner?“, schaltete sich nun auch Christoph in das Gespräch ein, während er sich setzte. Vickys Augen blitzten ihn nur übermütig an.

„Eine freie Rednerin? Was ist das?“, wollte nun Flora wissen. „Ein freier Redner o d e r eine freie Rednerin“, betonte Vicky, „gestaltet mit und für Dich Deine Trauung, Dein Kinderwillkommensfest, die Trauerfeier für einen lieben verstorbenen Menschen oder Dein Tier, meist ein Pferd, Hund oder Katze. Du kannst sie oder ihn auch für Dein Jubiläumsfest engagieren. Oder was auch immer Du brauchst. Er oder sie schreibt Reden und hält sie in der Regel auch. Auf Deinem Fest.“

„Aha, und wie läuft so etwas ab?“

„Oh, am besten trifft man sich erstmal mit der Rednerin oder dem Redner vorab, um sich kennenzulernen. Wir haben mit einer wunderbaren Rednerin damals unser Kinderwillkommensfest für Hugo gefeiert. Sie hat uns mit ihren Worten so berührt. Ich hatte ständig Tränen in den Augen. Wirklich, es war ein unvergessliches Erlebnis. Daher denken wir, dass wir Sie auch für unsere Trauung anfragen werden, nicht wahr, Schatz?“ Vicky drückte unter dem Tisch Christophs Bein und zwinkerte ihm zu.

„Ja also“, wandte sie sich wieder an Flora, „bei dem Kennenlernen gibt man ganz viele Informationen von sich an seine/n RednerIn weiter und wenn er oder sie gut ist, gibt es während der Planung noch Tipps, wie Deine Feier besonders stimmungsvoll und einmalig wird. Dann schreibt sie oder er Deine ganz persönliche Rede und hält sie an Deinem speziellen Tag.“

„Klingt gut. Aber ich habe noch nie davon gehört.“

„Oh, so unbekannt ist es inzwischen nicht mehr. Es ist zwar kein geschützter Beruf, aber da die freie Rede immer populärer wird, machen viele eine Ausbildung bei der IHK oder bei einem Redner, der sich bei der IHK hat ausbilden lassen.

„Also ersetzt die freie Trauung das Standesamt?“

„Nein, nein. Wir gehen vorher zum Standesamt und lassen uns rechtlich verbrieft trauen, weil das ein/e freie RednerIn nicht leisten darf. Und dann lassen wir uns in unserer ganz persönlichen, individuell auf uns abgestimmten Zeremonie hochleben und feiern. Ach, das wird wieder toll.“ Vickys rauchgraue Augen funkelten und ihr Grübchen vertiefte sich geradezu kess.

„Und woran erkenne ich, dass die Rednerin gut ist?“

„Gute Frage!“, stimmte ihr Vicky zu. „Ganz ehrlich, lass Dein Bauchgefühl entscheiden. Schau, ob es eine Homepage gibt und ob Dir die Texte gefallen. Und beim Kennenlernen achtest Du dann darauf, ob er oder sie auf Deine Fragen, Vorstellungen und Wünsche zur Zeremonie eingeht. Jede Rede sollte individuell nur für Dich geschrieben sein, so dass Du am Ende Dich als Mensch mit Deinen Erlebnissen, Herausforderungen und Träumen erfasst siehst. Es kommt also auch auf Dich an, wie authentisch und persönlich Deine Rede wird. Hör einfach auf Dein Gefühl. Das ist immer am besten. Wir haben ein paar angefragt, von super günstig bis ziemlich teuer, aber am Ende haben wir auf unser Gefühl gehört. Und tada, sie war die Richtige für uns.“

„Das klingt fast zu schön. Wann bekommt man das schon, dass jemand so ergreifend und offensichtlich herzlich über einen spricht. Das ist wie eine warme Dusche, wie eine Seelenpflege. Ich glaube, das hätte meiner Oma auch gefallen.“ Flora blickte mit tränenfeuchten Augen auf.

Jetzt kommt´s, dachte Vicky. Unter ihrem Lächeln sieht sie schon die ganze Zeit so traurig aus. Und in sich gekehrt. Ganz anders, als man die immer fröhliche Flora sonst so kennt. Vicky legte spontan ihre Hand auf Floras. „Was ist denn los?“, fragte sie sanft. Von der atemlos plaudernden Vicky keine Spur mehr.

Flora schaute auf und war verloren. Dicke Tränen tropften auf die Tischplatte. Mit fahriger Hand wischte sie sie weg.

„Ihr wisst doch, dass ich fast mein ganzes Leben bei meiner Oma gelebt habe. Sie war mein Familienersatz. Aber letzte Woche ist sie ganz plötzlich verstorben. Ich kann es noch gar nicht fassen. Sie ist weg. Einfach weg! Und ich bin jetzt ganz allein. Es gibt sonst niemanden mehr, außer mir.“ Flora schniefte und blinzelte angestrengt nach oben, um die jetzt doch ausschwemmende Tränenflut wenigstens etwas einzudämmen. Christoph reichte ihr eine Serviette. Stille legte sich über den Tisch der drei.

Dann, nach einer Weile, atmete Flora tief ein, schnaufte einmal vernehmlich in ihre Serviette und bekannte dann fast flüsternd „Sie war doch alles, was ich noch hatte. Und sie hat immer so viel für mich getan. Wie konnte ich sie am Ende nur so im Stich lassen?“

Schuld und Verzweiflung verdunkelten Floras Augen. „Ich war wegen einer meiner Projekte mal wieder unterwegs und wusste nicht, dass sie plötzlich im Krankenhaus war. Erst als mich ein Arzt anrief. Da bin ich sofort losgefahren und kam gerade noch rechtzeitig, um ihr Lebewohl zu sagen. Oh, es war so schrecklich. Ist schrecklich.“

Floras Kopf sank in die Hände. Die spaghettidünnen langen Haare fielen wie ein Vorhang über sie. Vicky schaute Christoph ratlos an, legte aber eine Hand auf Floras Schulter und streichelte sie mechanisch.

„Du hast sie nicht im Stich gelassen. Du bist doch sofort gekommen und hattest das Glück, sie noch lebend zu sehen. Du konntest dich von ihr verabschieden. Das ist viel wert.“, bemerkte Vicky leise.

„Ja, aber es kam alles so schnell. Dieser Abschied reicht einfach nicht.“

„Dann mach ihr und dir doch noch ein Geschenk und verabschiede sie mit einer freien Rede. Da kannst du alles nochmal benennen lassen, was zwischen euch wichtig war und schöne Erlebnisse in Erinnerung rufen. Du kannst auch ihre Macken durchblicken lassen und ihr Lieblingslied spielen.“

Ein Funken Hoffnung glomm tief in Floras Augen.

„Meine Oma war im Chor …und hatte keine Macken.“, kam es schniefend und fast lächelnd.

„Ja schau, vielleicht kann der Chor für sie singen.“, ignorierte Vicky die Mackenfreiheit der Oma.

„Das wäre sehr schön. Das hätte ihr gefallen." Floras Augen blickten wieder klarer in Vickys. Ihr alter Tatendrang bahnte sich zurück an die Oberfläche. "Könntet ihr mir den Kontakt von eurer freien Rednerin geben.?“

„Aber sicher! Christoph schick doch bitte mal eben den Kontakt weiter.“, wandte sich Vicky an ihren Fast-Ehemann. „Und jetzt putz Dir nochmal die Nase und dann lasst uns zusammen einen unserer geliebten Kräuterliköre auf Eis bestellen. Damit stoßen wir auf Deine Oma und gleichzeitig auf unser Leben an. Und auf die vielen Möglichkeiten, die es uns bietet.“

Flora schnaufte tatsächlich noch einmal, steckte dann aber entschieden ihr Taschentuch weg und lächelte tapfer. Es gab etwas zu tun. Jetzt konnte sie endlich auch etwas Wertvolles für ihre Oma machen. Und verflixt nochmal, sie würde ihrer Oma den schönsten zweiten Abschied gestalten, den sie sich vorstellen konnte!

„Auf das Leben und auf das, was wir daraus machen!“